Am 5. November findet in den USA die Präsidentschaftswahl statt. Für viele Amerikaner ist es die Wahl zwischen Pest und Cholera, denn auf den Stimmzetteln steht eines der unbeliebtesten Kandidatenpaare, die es je gab. Donald Trump liegt in den Umfragen weiterhin vorne, allerdings ist sein Vorsprung zuletzt geschrumpft. Damit hat sich für Amtsinhaber Joe Biden wieder ein schmaler Pfad zu einer weiteren Amtszeit aufgetan. Möglicherweise sehen wir also nicht nur eine der unbeliebtesten Wahlen in der Geschichte der USA, sondern auch eine der knappsten.
Pest vs. Cholera
Präsidentschaftskandidaten mit negativen Beliebtheitswerten sind selten. Doch in diesem Jahr haben sich mit den Demokraten und Republikanern gleich beide Parteien dazu entschlossen, solch unbeliebte Kandidaten in den Wahlkampf zu schicken (siehe Tabelle). Für viele Amerikaner ist es also die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Auf der einen Seite ist dort Amtsinhaber Joe Biden. Laut fivethirtyeight.com hat er ein Approval Rating von mageren 39%, während knapp 56% der Befragten mit seiner Präsidentschaft unzufrieden sind. Verglichen mit seinen Vorgängern, bewegt sich Biden damit im Bereich von Trump, Bush I, Carter oder Ford – keiner von ihnen wurde wiedergewählt (siehe Abbildung). Auf der anderen Seite ist da Donald Trump. Von ihm haben 42% der Befragten ein positives (favorable) Bild und 53% ein negatives (unfavorable). Allerdings muss man konstatieren, dass er aktuell weniger unbeliebt ist als noch bei seinem ersten Wahlkampf vor acht Jahren.

Trumps Vorsprung schmilzt
Dazu passt, dass Donald Trump in den meisten Umfragen aktuell vorne liegt. Auch für mich ist er nach wie vor der Favorit für die Wahlen im November. Allerdings hat der eigentliche Zweikampf zwischen Trump und Biden noch gar nicht richtig begonnen, sodass sich in den kommenden knapp sieben Monaten noch einiges tun kann. Zudem ist der Vorsprung von Trump gegenüber Biden in den vergangenen Wochen sichtlich geschmolzen. Laut Realclearpolling.com (aggregiert verschiedene Umfragen) liegt Trump insgesamt nur noch um 0,2 Punkte vor Biden; Ende Januar waren es noch 4,3 Punkte. Die Seite 270toWin sieht Biden sogar 0,1 Punkte vor Trump.

Ein leichtes Momentum für die Demokraten suggeriert auch die FiveThirtyEight, wonach sich aktuell eine (zugegeben) sehr kleine Mehrheit der Wähler, anders als noch vor ein paar Monaten, nun einen demokratisch kontrollierten Kongress wünscht (siehe Grafik).

Unterm Strich gehe ich davon aus, dass Joe Biden die Mehrheit der insgesamt abgegebenen Stimmen gewinnen wird. Es wäre damit das achte Mal in den vergangenen neun Präsidentschaftswahlen (seit 1992!), dass die Demokraten die Mehrheit der Stimmen erhalten würden (die einzige Ausnahme in diesem Zeitraum war die Wiederwahl von George W. Bush nach den Terroranschlägen vom 11. September). Allerdings wissen wir nicht erst seit der Wahl von Bush (2000) sowie Trump (2016), dass man auch ohne die Mehrheit der insgesamt abgegebenen Stimmen die Wahl gewinnen kann. Schließlich kommt es in den USA darauf an, die Wahlmänner der einzelnen Bundesstaaten zu gewinnen – und hier ist Trump eben weiterhin der Favorit.

Biden hat vielleicht nur eine Chance
In vielen Bundesstaaten ist die Wahl quasi schon entschieden, bevor sie begonnen hat. In der nachfolgenden Grafik sind diese Staaten in rot (Republikaner) bzw. blau (Demokraten) eingefärbt. Zählt man diese mehr oder weniger sicheren Staaten zusammen, kommt man aktuell auf 226 Wählmänner für Biden und 235 für Trump. Keiner der Kandidaten hat damit die erforderliche Zahl von 270 Wahlmännern erreicht.

Entscheidend für den Wahlausgang wird daher sein, wie sich die Wählerinnen und Wähler in den noch offenen Staaten, den sogenannten Swing States entscheiden. Die wichtigsten sind
- Pennsylvania (19 Wahlmänner)
- Georgia (16)
- Michigan (15)
- Arizona (11)
- Wisconsin (10)
- Nevada (6)
Die am stärksten umkämpften Swing States sind aktuell Wisconsin und Michigan. In beiden liegt Donald Trump vor Biden. Wenn es dabei bleibt und Trump auch nur einen (!) dieser zwei Staaten gewinnt, wird er nächstes Jahr mit ziemlicher Sicherheit wieder ins Weiße Haus einziehen.

Bidens einzige – aber nicht völlig unrealistische – Chance zur Wiederwahl besteht also darin, neben Pennsylvania (wo er aktuell vorne liegt) auch Wisconsin und Michigan zu holen. Sein Rückstand in beiden Staaten ist mit 0,7 bzw. 1,2 Punkten nicht aussichtslos. Zudem weiß er insbesondere in Michigan mit Gouverneurin Gretchen Whitmer eine extrem beliebte Parteikollegin im Wahlkampf an seiner Seite. Sollte Biden also PA, WI und MI gewinnen (und es keine negativen Überraschungen etwa in Minnesota oder Maine geben), könnte das genau für die erforderlichen 270 Wahlmänner reichen (siehe eigenes Szenario in der folgenden Grafik). Es wäre damit nicht nur eine der unbeliebtesten Wahlen in der Geschichte der USA, sondern auch eine der knappsten. Einen noch engeren Ausgang gab es nur im Jahr 1876 als Rutherford B. Hayes mit einem Vorsprung von einem Wahlmann gegen Samuel Tilden gewann.

Top! Sehr interessant. In den Medien wird Trump immer als deutlich führend dargestellt. Erfreulich, dass es doch nicht so eindeutig ist!