Midterm Special (#2): Iran-Krieg, Zölle und Innenpolitik

Im ersten Teil meines Midterm Specials habe ich dargelegt, dass die Demokraten bei den Zwischenwahlen am 3. November eine durchaus realistische Chance haben, in beiden Kammern des Kongresses die Mehrheit zu gewinnen. Im zweiten Teil gehe ich nun der Frage nach, welche Auswirkungen ein solcher demokratischer Sweep auf die weitere Ausrichtung der amerikanischen Politik haben könnte.

Aus internationaler Sicht stehen dabei zwei Fragen im Mittelpunkt: Könnte ein demokratisch kontrollierter Kongress Präsident Trump dazu zwingen, den Krieg im Iran zu beenden und seine Zölle zurückzunehmen? In beiden Fällen lautet die Antwort: Theoretisch ja, praktisch schwierig.

Der Grund dafür sind jeweils die weitreichenden Befugnisse des Präsidenten, bestimmte Maßnahmen mithilfe sogenannter Executive Orders auch ohne Zustimmung des Kongresses umzusetzen. Die nachfolgende Grafik zeigt, dass Präsident Trump von diesem Instrument bereits im vergangenen Jahr ausgiebig Gebrauch gemacht hat – und das obwohl seine eigene Partei bislang sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat kontrollierten.

Quelle: The American Presidency Project

Kann der Kongress den Iran-Krieg beenden?

Gemäß der amerikanischen Verfassung besitzt der Kongress weitreichende Befugnisse in Fragen von Krieg und Frieden. In der Praxis verfügt der Präsident als Oberbefehlshaber der Streitkräfte jedoch über einen erheblichen Handlungsspielraum. Grundsätzlich stehen dem Kongress zwei wesentliche Instrumente zur Verfügung, um die Beendigung eines Krieges zu erzwingen:

Erstens verpflichtet die War Powers Resolution von 1973 den Präsidenten, den Kongress innerhalb von 48 Stunden über bestimmte militärische Einsätze zu informieren. Ohne eine Kriegserklärung oder entsprechende gesetzliche Ermächtigung des Kongresses muss ein solcher Einsatz nach 60 Tagen beendet werden. Für den Rückzug der Streitkräfte können weitere 30 Tage hinzukommen.

Bemerkenswerterweise hat der amerikanische Kongress – wohlgemerkt unter republikanischer Führung – bereits Ende Juni eine entsprechende Resolution verabschiedet, mit der ein Ende des Krieges im Iran gefordert wurde.

Allerdings sah sich die Trump-Regierung dadurch keineswegs zum Einlenken veranlasst. Sie argumentierte, dass die 60-Tage-Frist aufgrund des zwischenzeitlichen Waffenstillstands im April erneut zu laufen begonnen habe. Noch grundsätzlicher ist allerdings, dass ein Urteil des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 1983 Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit bestimmter Durchsetzungsmechanismen der War Powers Resolution aufwirft. Dadurch wird dieses eigentlich sehr mächtige Instrument des Kongresses in der Praxis erheblich geschwächt.

Versuche, den Präsidenten durch neue gesetzliche Vorgaben zum Einlenken zu zwingen, dürften wiederum an seinem Veto scheitern.

Zweitens bleibt dem Kongress die sogenannte Power of the Purse, also seine Kontrolle über die staatlichen Finanzen. Da der Kongress über die Bewilligung von Haushaltsmitteln entscheidet, kann er die Finanzierung militärischer Einsätze begrenzen und damit die Fortsetzung eines Krieges erheblich erschweren oder letztlich unmöglich machen.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums hat der Krieg gegen den Iran die USA bislang mehr als 40 Milliarden US-Dollar gekostet. Jeder weitere Kriegsmonat schlägt nach Schätzungen des Congressional Budget Office mit zusätzlichen zwei bis drei Milliarden US-Dollar zu Buche.

Quelle: New York Times

Da der Kongress bislang keine gesonderten Haushaltsmittel für den Krieg bewilligt hat, finanziert die Regierung die Militäroperationen derzeit aus bereits genehmigten Mitteln des Verteidigungshaushalts, die ursprünglich für andere Zwecke vorgesehen waren. Einen ähnlichen Weg beschritt auch Präsident Obama beim Militäreinsatz in Libyen 2011. Allerdings beliefen sich die Gesamtkosten dieses Einsatzes auf weniger als zwei Milliarden US-Dollar (Quelle).

Angesichts der hohen laufenden Kosten stößt diese Form der Finanzierung zunehmend an ihre Grenzen. Die Trump-Regierung beantragte deshalb bereits im Juni zusätzliche Haushaltsmittel für die Operation „Epic Fury“. Während das Repräsentantenhaus im Juli eine entsprechende Haushaltsresolution verabschiedete, will sich der Senat offenbar erst nach den Midterms mit der Bewilligung weiterer Mittel befassen – und dann vielleicht unter demokratischer Führung.

Die Power of the Purse dürfte damit das wirkungsvollste Instrument des Kongresses sein, um die Fortsetzung des Krieges im Iran zu verhindern. Wann genau die Finanzierung an ihre Grenzen stößt, hängt vor allem davon ab, in welchem Umfang die Trump-Regierung noch Mittel aus dem bestehenden Haushalt umwidmen kann und wie intensiv der Krieg geführt wird. Ein schwelender Konflikt könnte sich auch ohne zusätzliche Mittel wohl noch länger hinziehen.

Kann der Kongress die Zölle zurücknehmen?

Auch in diesem Punkt gibt die Verfassung dem Kongress weitreichende Befugnisse, zumal die Zuständigkeit für die Erhebung von Zöllen und die Regulierung des Außenhandels grundsätzlich beim Kongress liegt. Allerdings wurden in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge verschiedener Krisen erhebliche Kompetenzen an den Präsidenten delegiert. Dadurch kann dieser unter bestimmten Voraussetzungen eigenständig Zölle einführen, erhöhen oder verändern (siehe Tabelle).

RechtsgrundlageVoraussetzungen und BefugnisseGrenzen
Section 232 Trade Expansion Act (1962)Zölle bei Gefährdung der nationalen Sicherheit, z. B. auf Stahl, Aluminium oder AutosUntersuchung durch Handelsministerium erforderlich; keine gesetzliche Obergrenze für Zollhöhe oder Dauer
Section 201Trade Act (1974)Schutzzölle, wenn stark steigende Importe einer heimischen Industrie ernsthaften Schaden zufügen oder dies drohtUntersuchung durch ITC; maximal 50 Prozentpunkte zusätzlicher Zoll; grundsätzlich maximal 4 Jahre, verlängerbar auf 8 Jahre
Section 301Trade Act (1974)Zölle als Reaktion auf unfaire, diskriminierende oder handelsvertragswidrige Praktiken anderer LänderUntersuchung durch US-Handelsbeauftragten; keine feste Zollobergrenze; Überprüfung nach 4 Jahren
Section 122Trade Act (1974)Temporäre Importzuschläge bei schwerwiegenden internationalen ZahlungsbilanzproblemenMaximal 15% für höchstens 150 Tage ohne Verlängerung durch den Kongress
Section 338Tariff Act (1930)Vergeltungszölle gegen Länder, die den US-Handel diskriminierenMaximal 50%; keine ausdrücklich vorgeschriebene vorherige Behördenuntersuchung
Quelle: US Congress und EveryCRSReport.com (erstellt mit Hilfe von KI)

Zu den in der Tabelle aufgeführten Rechtsgrundlagen kommt noch der International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) von 1977, der den Präsidenten ermächtigt, im Falle eines erklärten nationalen Notstands bestimmte internationale Wirtschaftstransaktionen zu regulieren. Allerdings entschied der Oberste Gerichtshof im Februar 2026, dass sich aus dem IEEPA keine Befugnis zur Erhebung von Zöllen ableiten lässt. Die bis dahin auf dieser Grundlage eingeführten Zölle mussten daher von der Regierung wieder aufgehoben werden.

Dennoch verdeutlicht die Übersicht, dass der Präsident trotz der verfassungsrechtlichen Zuständigkeit des Kongresses über weitreichende Kompetenzen in der Zollpolitik verfügt. Insbesondere Section 232 und die im aktuellen Handelsstreit mit Kanada erstmals eingesetzte Section 338 eröffnen ihm einen erheblichen Ermessensspielraum und Unabhängigkeit gegenüber dem Kongress.

Um diese Befugnisse einzuschränken, müsste der Kongress die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen ändern. Eine solche Reform dürfte allerdings am Veto des Präsidenten scheitern. Um dieses zu überstimmen, wäre in beiden Kammern des Kongresses eine Zweidrittelmehrheit erforderlich. Selbst nach einem demokratischen Wahlsieg wären die Demokraten daher auf die Unterstützung zahlreicher republikanischer Abgeordneter und Senatoren angewiesen.

Immerhin könnte eine deutliche Wahlniederlage im November dazu führen, dass sich auch innerhalb der Republikanischen Partei stärkerer Widerstand gegen Präsident Trump formiert. Denn so sehr Trump seiner Partei vor zwei Jahren zu einem überragenden Wahlsieg verholfen hat, so sehr ist seine Politik inzwischen zu einer Belastung für die Republikaner geworden. Sein Nimbus der Unfehlbarkeit dürfte dadurch auch innerhalb der GOP erheblichen Schaden nehmen.

Das bedeutet freilich (noch) nicht, dass sich bereits eine Zweidrittelmehrheit gegen Trumps Zollpolitik abzeichnet, mit der sich ein mögliches Veto des Präsidenten überstimmen ließe. Angesichts der spürbaren wirtschaftlichen Belastungen für Haushalte und Unternehmen (siehe hier, hier oder hier) dürfte der Widerstand gegen die Zölle jedoch auch über die Parteigrenzen hinweg weiter zunehmen.

Innenpolitische Auswirkungen: Ausschüsse, Personal, Finanzen – und die Präsidentschaftswahl 2028

Neben den weitreichenden außenpolitischen Folgen hätte ein Sieg der Demokraten bei den Kongresswahlen auch erhebliche innenpolitische Konsequenzen. So könnte ein demokratisch kontrolliertes Repräsentantenhaus seine parlamentarischen Kontrollrechte nutzen, um Untersuchungen zu möglichen Interessenkonflikten, Insiderhandel oder anderen fragwürdigen Aktivitäten im Umfeld der Trump-Regierung einzuleiten. Mit einer Mehrheit im Senat könnten die Demokraten zudem Einfluss auf wichtige Personalentscheidungen nehmen. Denn sowohl die Besetzung zentraler Positionen bei der US-Notenbank als auch die Ernennung neuer Richterinnen und Richter am Obersten Gerichtshof bedürfen der Zustimmung des Senats.

Besonders konfliktträchtig dürfte allerdings die Haushaltspolitik werden. Da der Kongress über die Bewilligung von Haushaltsmitteln entscheidet, wäre Trump auf die Zusammenarbeit mit der Opposition angewiesen. Hinzu kommt, dass die gesetzliche Schuldenobergrenze (statutory debt limit) voraussichtlich Mitte 2027 erneut erreicht wird. Bis dahin müssten sich Präsident und Kongress auf eine Anhebung oder erneute Aussetzung einigen. Andernfalls drohen erhebliche wirtschaftliche Verwerfungen – von Zahlungsausfällen über Turbulenzen an den Finanzmärkten bis hin zu einem massiven wirtschaftlichen Einbruch.

Die politischen Auseinandersetzungen der kommenden beiden Jahre dürften dabei bereits zunehmend vom Präsidentschaftswahlkampf 2028 geprägt sein. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage, insbesondere der hohen Inflation und der wachsenden Staatsverschuldung, dürfte es bei einem divided government vor allem darum gehen, die Wählerinnen und Wähler davon zu überzeugen, dass die jeweils andere Partei für die Probleme des Landes verantwortlich ist. Dass viele dieser Entwicklungen bereits unter einer vollständig republikanisch kontrollierten Regierung eingesetzt haben, dürfte insbesondere Präsident Trump kaum davon abhalten, einem dann demokratisch kontrollierten Kongress die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Für die Demokraten birgt das erhebliche Risiken. Sie müssen aufpassen, dass sich ein möglicher Wahlsieg im November 2026 mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2028 nicht als Pyrrhussieg erweist. Um das zu verhindern, muss die Partei möglichst schnell wieder ein klares politisches Profil und eine überzeugende inhaltliche Agenda entwickeln. Auf Dauer wird es nicht reichen, einfach nur die Partei zu sein, die nicht Trump ist.

Midterm Special (#1): Wieviel Macht bleibt Präsident Trump?

Am 3. November finden in den USA die sogenannten Midterm Elections statt. Bei diesen Kongresswahlen werden sämtliche Sitze im Repräsentantenhaus sowie rund ein Drittel der Sitze im Senat neu vergeben. Aktuell verfügen die Republikaner in beiden Kammern über eine Mehrheit. Doch die jüngsten Umfragen deuten darauf hin, dass sich das schon bald ändern könnte.

Während sich ein möglicher Machtwechsel im Repräsentantenhaus bereits seit Längerem abzeichnet, erscheint inzwischen selbst ein Sieg der Demokraten im Senat nicht mehr ausgeschlossen. Das wäre angesichts der für sie äußerst schwierigen Ausgangslage eine beachtliche Überraschung. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt Präsident Trump – also ausgerechnet der Mann, der den Republikanern noch vor zwei Jahren zu einem souveränen Wahlsieg verholfen hat.

Präsident Trumps Umfragewerte im Keller

Nach Angaben von Real Clear Politics stehen aktuell 60 % der Amerikanerinnen und Amerikaner der Arbeit von Präsident Trump kritisch gegenüber. Das ist der höchste – und damit schlechteste – Wert seiner bisherigen Amtszeiten (siehe Grafik). Besonders aussagekräftig ist dabei, dass Real Clear Politics die Umfrageergebnisse unterschiedlicher Institute zusammenfasst. Die hohe Ablehnung ist also kein Ausreißer einer einzelnen Umfrage, sondern zeigt sich über verschiedene Erhebungen hinweg.

Quelle: Real Clear Politics

Ein wesentlicher Grund für Trumps schlechte Umfragewerte dürfte die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage sein. Laut einer Umfrage von The Economist/YouGov nennt inzwischen knapp die Hälfte der Befragten die Economy als wichtigstes politisches Problem. Das ist mit Abstand der höchste Wert seit Beginn der Erhebung vor zehn Jahren (siehe Grafik).

Quelle: The Economist/YouGov

Ein Blick auf die Details zeigt, dass die Sorgen vor allem durch die hohe Inflation getrieben werden (Grafik oben links). Für die Anhänger beider Parteien sind die steigenden Preise derzeit mit Abstand das drängendste Problem. Selbst unter republikanischen Wählern wird die Inflation etwa dreimal so häufig als wichtigstes Problem genannt wie das von Präsident Trump so stark in den Vordergrund gerückte Thema Einwanderung (Grafik unten rechts). 

Quelle: The Economist/YouGov

Verantwortlich für die steigenden Inflationsraten ist die Politik des Präsidenten. Denn sowohl der Iran-Krieg als auch die Zölle haben in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass die Preise wieder deutlich zugelegt haben und so die Kaufkraft der Konsumenten belasten. Das könnte sich nun bei den Kongresswahlen rächen.

Sichert das Gerrymandering den Republikanern die Mehrheit im Repräsentantenhaus?

Im Vergleich zur Wahl vor zwei Jahren müssten die Demokraten lediglich drei zusätzliche Sitze gewinnen, um die Mehrheit im Repräsentantenhaus zu übernehmen. Allerdings haben insbesondere republikanisch regierte Bundesstaaten durch die Neuziehung der Wahlkreisgrenzen – das sogenannte Gerrymandering – diese Aufgabe deutlich erschwert (siehe Grafik). Nach Schätzungen von Reuters hätten die Republikaner mit den neuen Wahlkreisgrenzen bei der vergangenen Wahl unterm Strich zehn zusätzliche Sitze gewonnen. Überträgt man diese Schätzung auf die anstehenden Midterms, müssten die Demokraten also faktisch nicht nur drei, sondern 13 zusätzliche Sitze erobern, um die Mehrheit zurückzugewinnen.

Quelle: The Cook Political Report

Dennoch sprechen die Umfragen weiterhin recht eindeutig für einen Machtwechsel im Repräsentantenhaus. Allerdings fällt der Vorsprung der Demokraten durch die Neuziehung der Wahlkreisgrenzen deutlich geringer aus, als es andernfalls der Fall wäre.

Gewinnen die Demokraten sogar den Senat?

Anders als das Repräsentantenhaus, das alle zwei Jahre vollständig neu gewählt wird, steht im November nur ein Drittel der Senatssitze zur Wahl. Nach ihrem deutlichen Wahlsieg 2024 verfügen die Republikaner im Oberhaus derzeit über eine komfortable Mehrheit von 53 zu 47 Sitzen. Da bei Stimmengleichheit der republikanische Vizepräsident den Ausschlag gibt, müssten die Demokraten also vier zusätzliche Sitze gewinnen, um die Mehrheit zu übernehmen. Lange Zeit erschien das nahezu aussichtslos. Doch seit Beginn des Iran-Krieges hat sich die Lage auch hier deutlich verändert.

So ist nach Schätzungen von Race to the White House die Wahrscheinlichkeit einer demokratischen Senatsmehrheit seit März von gut 20 % auf über 70 % gestiegen (siehe Grafik).

Quelle: Race to the White House

Der Grund dafür ist, dass demokratische Kandidaten inzwischen selbst in traditionell republikanischen Bundesstaaten überraschend gut abschneiden und teilweise sogar in Führung liegen. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung in Texas, wo der Demokrat James Talarico in einigen Umfragen bis zu sechs Prozentpunkte vor seinem republikanischen Konkurrenten Ken Paxton liegt. Ein Wahlsieg wäre historisch: Erstmals seit 1993 würde Texas wieder einen Demokraten in den US-Senat entsenden. Weitere Bundesstaaten, in denen sich die Demokraten Chancen auf einen Sitzgewinn ausrechnen können, sind Alaska, Iowa, Maine, North Carolina und Ohio.

Insgesamt könnten die Demokraten damit theoretisch bis zu sechs zusätzliche Senatssitze erobern und sich so eine komfortable Mehrheit im Oberhaus sichern. Das wäre der größte Zugewinn einer Partei seit 2014, als die Republikaner während der zweiten Amtszeit von Präsident Obama sogar neun Sitze hinzugewannen.

Freilich bleibt der Wahlausgang ungewiss. Im Repräsentantenhaus sorgt das Gerrymandering für zusätzliche Unsicherheit, während im Senat zahlreiche Rennen weiterhin völlig offen sind. Dennoch zeichnen die aktuellen Umfragen und Prognosemodelle ein Bild, das noch vor wenigen Monaten kaum vorstellbar gewesen wäre, nämlich dass die Demokraten die reelle Chance haben, in beiden Kammern des Kongresses die Mehrheit zu übernehmen.

Im zweiten Teil meines Midterm Specials gehe ich der Frage nach, welche politischen Konsequenzen ein solcher Machtwechsel hätte – insbesondere für den weiteren Verlauf des Iran-Krieges und Trumps Zollpolitik.

Prof. Bandholz (HAW Kiel): „Die USA glauben, sie müssen All-In gehen und wie verrückt investieren“ – Sorgenkind Anleihenmarkt

Mein heutiges Interview mit Andreas Groß vom Börsen Radio Network. Wir haben zahlreiche relevante Themen diskutiert, begonnen mit dem konjunkturellen Ausblick, über den Einfluss von KI, die Entwicklung der Inflation, den Anstieg der Renditen bis hin zu den anstehenden Kongresswahlen in den USA.

Link zum Interview:

Prof. Bandholz (HAW Kiel): „Die USA glauben, sie müssen All-In gehen und wie verrückt investieren“ – Sorgenkind Anleihenmarkt

Prof. Harm Bandholz ist Wirtschaftswissenschaftler und Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) in Kiel. Über die resilienten Märkte in erratischen Zeiten sagt er: „Wir wachsen deutlich schneller als das Trendwachstum. Allerdings muss man konstatieren, dass die Zahlen die Qualität positiv überzeichnen. Die beste Dynamik liegt hinter uns.“ Eine Verlangsamung des Konsums auch aufgrund steigender Energiepreise wird sich nun in der zweiten Jahreshälfte und insbesondere 2027 bemerkbar machen. KI scheint derzeit viele Unwägbarkeiten zu überdecken. „Vielleicht ein spieltheoretischer Ansatz.“ USA All-in, Europa Time-out. „Das größte Problem bei einer Korrektur oder einem Platzen ist der Anleihemarkt.“

Prof. Dr. Harm Bandholz ist neuer Dekan

von Anna Brokmann
Link zum Artikel auf der Website der HAW Kiel vom 24.09.2026

Zunächst herzlichen Glückwunsch an Sie Professor Bandholz zur Wahl als neuer Dekan. Was hat Sie dazu bewegt, das Amt des Dekans zu übernehmen?

Die akademische Selbstverwaltung ist ein integraler Bestandteil der Hochschullandschaft. Dadurch, dass Hochschulen ihre internen Angelegenheiten in Forschung, Lehre und Studium eigenverantwortlich regeln, sind sie geschützt vor Eingriffen von außen. Außerdem wird so die demokratische Mitbestimmung aller Hochschulmitglieder ermöglicht. Umgekehrt bedeutet Selbstverwaltung aber auch, dass sich immer wieder Personen – Lehrende, Mitarbeiter*innen und Studierende – finden müssen, die diese Aufgaben erledigen.

Bei mir gab es nicht den einen spezifischen Auslöser, der mich dazu bewogen hat, mich zur Wahl zu stellen. Vielmehr war es ein über Wochen, vielleicht sogar Monate andauernder Prozess. In den zurückliegenden viereinhalb Jahren durfte ich als Prodekan des Fachbereichs Wirtschaft ja bereits viele Erfahrungen sammeln und Einblicke in die Leitung des Fachbereichs erhalten. Das war wirklich eine tolle und sehr lehrreiche (und ja, bisweilen auch sehr arbeitsreiche) Zeit. Als dann Ende letzten Jahres klar wurde, dass wir einen neuen Dekan brauchen, weil der amtierende Dekan, Marco Hardiman, nicht noch einmal kandidieren wollte, wollte ich erst einmal abwarten. Zunächst hatte ich nur darüber nachgedacht, bei einer passenden Konstellation als Prodekan weiterzumachen oder eben aus dem Dekanat auszuscheiden, um Platz für ein neues Team zu machen.

Zum Umdenken bewogen haben mich schließlich auch Anfragen von Lehrenden und Mitarbeiter*innen der Verwaltung, ob ich den Job nicht übernehmen wolle. Hinzu kam für mich dann der Wunsch, die, wie ich finde, positive Arbeit des Dekanats aus den vorherigen Jahren weiterzuführen. Entsprechend dankbar bin ich, dass meine Kollegin Saskia Bochert sich bereit erklärt hat, ihre Tätigkeit im Dekanat fortzusetzen und wir mit Klaas Ole Kürtz jemanden gewinnen konnten, der bereits in seinem ersten Jahr an der HAW Kiel den Fachbereich mit viel Einsatz und neuen Ideen extrem bereichert hat. So nahm alles seinen Lauf, und ich freue mich sehr über die positive Bestätigung durch das Wahlergebnis im Konvent.

Was reizt Sie besonders an der neuen Aufgabe?

Der Reiz besteht darin, den Gestaltungsspielraum auszunutzen, den uns die Selbstverwaltung gibt. Dabei will ich nicht verheimlichen, dass auch wir unter zunehmender Bürokratie leiden und finanzielle Engpässe verstärkt spüren. Das engt den Gestaltungsspielraum entsprechend ein. Allerdings betrifft das ja nicht nur unseren Fachbereich oder unsere Hochschule. Auch in diesem schwieriger werdenden Umfeld haben wir weiterhin die Möglichkeit, um nicht zu sagen die Pflicht, unsere Studiengänge kontinuierlich weiterzuentwickeln, unsere Ausstattungen zu verbessern und das Lehr- und Lernumfeld zu optimieren. Das ist für mich die wesentliche Herausforderung und darin steckt auch der Reiz.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Amtszeit gesetzt?

Ein wichtiges Ziel ist für mich, das Ansehen der HAW Kiel und das unseres Fachbereichs weiter zu stärken – insbesondere im Vergleich zu Universitäten, aber auch zu anderen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Als Relikt der Pre-Bologna Zeit werden HAW bzw. Fachhochschulen in vielen Bereichen immer noch schlechter behandelt als Universitäten; das betrifft die personelle Ausstattung aber auch die Reputation an vielen Gymnasien. Ich dagegen bin fest davon überzeugt, dass die anwendungsorientierte Lehre der HAW die große Mehrheit der Studierenden deutlich besser auf den Arbeitsmarkt vorbereitet als theorielastige Ansätze. Das gilt umso mehr im Zeitalter von KI. Die Tatsache, dass unsere Studiengänge entgegen dem allgemeinen Trend allesamt voll belegt sind, deutet darauf hin, dass bereits immer mehr Menschen diese Erkenntnis teilen. Aber da geht sicherlich noch mehr – und das beste Werbemittel für uns sind unsere Absolvierenden, wenn sie nach einem erfüllten Studium bestens vorbereitet in die Arbeitswelt entlassen werden. Das sollten wir stets gewährleisten.

Welche Themen möchten Sie im Fachbereich besonders voranbringen?

Durch die Berufserfahrung, die unsere Professoren allesamt mitbringen (müssen) ist unser Fachbereich verhältnismäßig agil. Entsprechend konnten wir in den vergangenen Jahren einige wichtige Änderungen auf den Weg bringen. So haben wir unseren größten Studiengang, den Bachelor BWL, vollständig überarbeitet und mit dem Bachelor Cybersicherheit in Kooperation mit dem Fachbereich Informatik und Elektrotechnik einen neuen Studiengang konzipiert. Zudem konnten wir einen Beirat installieren, durch den wir den Austausch mit Praxisvertretern institutionalisieren. Eine Aufgabe des neuen Dekanats wird also darin bestehen, zu schauen wie sich diese Neuerungen bewähren und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen.

Das beherrschende Thema für die nächsten Jahre ist aber sicherlich der Umgang mit KI. Da geht es zum einen darum, welche Kompetenzen wir den Studierenden in diesem neuen Umfeld vermitteln müssen. Zum anderen ergeben sich potenziell notwendige Änderungen bei Lehr- und Prüfungsformen. Die Diskussion hat natürlich bereits begonnen und alleine bei uns am Fachbereich haben wir hierzu schon einige Workshops durchgeführt. Am Ende sind wir aber sicherlich nicht; schon deshalb, weil sich die Technologie so rasant weiterentwickelt. Zudem hat das Thema KI potenziell Auswirkungen auf die digitale Ausstattung der Hochschule sowie darauf, wie auslaufende Stellen von Professoren inhaltlich neu besetzt werden. Hier gilt es möglichst zeitnah die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen.

Was möchten Sie für die Studierenden erreichen?

Das Ideal, welches wir aus meiner Sicht erreichen können, ist, dass die Studierenden später mit Freude und Dankbarkeit auf ihre Zeit an der HAW Kiel zurückschauen. Freude, weil ihnen diese Zeit Spaß gemacht hat, sie viele Freundschaften schließen konnten und schöne Erlebnisse hatten. Dankbarkeit, weil sie hier bestmöglich auf ihren späteren Beruf und Karriereweg vorbereitet wurden. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Studierenden während des Studiums nicht auch mal auf die Lehrenden fluchen dürfen, weil es gerade alles zu viel, zu kompliziert oder zu anstrengend ist. Aber am Ende sollte klar sein, wofür man das alles auf sich genommen hat. Das, in Kombination mit der sozialen Komponente, ist für mich ein sehr erstrebenswertes Ziel.

Gibt es etwas, das Sie im Fachbereich gerne verändern oder weiterentwickeln möchten?

Ehrlich gesagt bin ich mit unserem Fachbereich insgesamt sehr zufrieden. Aber das bedeutet ja nicht, dass man sich nicht weiterentwickeln kann. Ein Punkt, der aus meiner Sicht noch ausbaufähig ist, ist die Campus-Kultur. Damit meine ich insbesondere den gegenseitigen Austausch zwischen Studierenden und Lehrenden über das Ende der eigentlichen Vorlesung hinaus. Bei der Suche nach Gründen trifft man schnell auf das Henne-Ei-Problem: ist es das mangelnde Interesse der Studierenden oder die fehlende Präsenz der Lehrenden? Die Corona-Pandemie hat sicherlich ihren Teil dazu beigetragen. Doch das sollten wir wieder ändern. Unterstützung gibt es durch unser neues Lerndock 23, durch das die Aufenthaltsqualität an der HAW Kiel bereits deutlich verbessert wurde und welches von allen Angehörigen der Hochschule dankbar und vielfältig angenommen wird.

Was möchten Sie von Ihrem Vorgänger übernehmen und wo eigene Schwerpunkte setzen?

Zunächst einmal möchte ich Marco Hardiman für die tolle Arbeit danken, die er in den vergangenen viereinhalb Jahren als Dekan geleistet hat. Wie aus meinen vorherigen Ausführungen hoffentlich deutlich geworden ist, steht unser Fachbereich nicht zuletzt dank seiner Leitung aktuell sehr gut da. Und das positive Feedback bezieht sich nicht nur auf die harten Zahlen, wie die Vollauslastung unserer Studiengänge, sondern auch auf die Stimmung innerhalb des Fachbereichs.

Es gibt also sehr vieles, was ich als Nachfolger von ihm übernehmen könnte. Hervorheben möchte ich die Transparenz bei Entscheidungen und die stets äußerst kooperative Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den anderen Dekanatsmitgliedern, der Verwaltung und den Lehrenden. Zudem möchte auch ich weiterhin stets ein offenes Ohr haben für das Feedback der Studierenden.

Große Änderungen sind also eigentlich nicht geplant. Auch deshalb nicht, weil mit Saskia Bochert und mir ja zwei Mitglieder des vorherigen Dekanats, die sich bereits in den vergangenen Jahren in die Fachbereichsleitung eingebracht haben, erhalten bleiben. Trotzdem wird es ganz automatisch zu gewissen Anpassungen kommen. Das liegt schon daran, dass mein Vorgänger Professor für Marketing war und ich Volkswirt bin. Spätestens zum Ende des Studiums sollten alle Studierenden verstehen, dass es hier gewisse Unterschiede gibt.

Was möchten Sie den Studierenden zum Start Ihrer Amtszeit mitgeben?

Nutzen Sie die Zeit sinnvoll. Sie werden für ein paar Semester von der Gesellschaft freigestellt und finanziell subventioniert, um sich bestmöglich auf Ihren Beruf, Ihren späteren Karriereweg und ein wenig auch auf Ihre kommenden Lebensabschnitte vorzubereiten.

Dazu gehört auch, dass Sie aktiv studieren und die angebotenen Inhalte nicht passiv konsumieren. Insbesondere im Zeitalter von KI werden Ihre Kompetenzen zunehmend wichtiger, während es Anzeichen dafür gibt, dass die Relevanz von bloßen Abschlusszeugnissen nachlässt. Lernen Sie also nicht für das Bestehen eines Scheines, sondern seien Sie gierig auf die Inhalte, das Wissen und die Kompetenzen, die wir Ihnen hier vermitteln. Das ist durchaus anstrengend und arbeitsintensiv, wird aber später vielfältig honoriert.

Unterschätzen Sie dabei nicht die Wichtigkeit des sozialen Austausches. Kritisches Denken, die Übernehme von Verantwortung, Urteilsvermögen oder Empathie sind einige der Kompetenzen, die durch KI deutlich an Bedeutung gewinnen werden. Um diese neben den weiterhin gefragten fachlichen Kenntnissen zu stärken, setzen wir an der HAW Kiel weiterhin auf Präsenzveranstaltungen, in denen Menschen zusammenkommen. Das hat übrigens auch den keinesfalls zu vernachlässigenden positiven Nebeneffekt, dass das Bier nach der Vorlesung in Gesellschaft meist besser schmeckt als allein.

In diesem Sinne wünsche ich ihnen viel Spaß und gutes Gelingen für Ihr Studium am Fachbereich Wirtschaft der HAW Kiel.

Vielen Dank für das Gespräch.

Fed hebt Zinsen an / Ist Nvidia „too big to fail“?

Mein heutiges Interview mit Anis Mičijević für den Handelsblatt Today Podcast:

Today: Fed hebt Zinsen an / Ist Nvidia „too big to fail“? (mein Part ab Minute 8)

„Die US-Notenbank Fed hat am Mittwochabend erstmals seit rund drei Jahren den Leitzins erhöht. Er liegt nun in einer Spanne von 3,75 bis 4,0 Prozent. Der Zinsschritt war wegen der Inflationsentwicklung und den starken Arbeitsmarktdaten in den USA erwartet worden. US-Präsident Donald Trump warf der Fed vor, den Leitzins aus politischen Gründen erhöht zu haben. Den neuen Fed-Chef Kevin Warsh hat er allerdings selbst für das Amt nominiert. Hat Warsh mit dieser Zinserhöhung also seine Unabhängigkeit unter Beweis gestellt? Und könnte die Entscheidung der Startschuss für weitere Zinserhöhungen gewesen sein? Darüber spricht VWL-Professor Harm Bandholz von der HAW Kiel im Podcast.„

Prof. Harm Bandholz (HAW Kiel): „Die Verschuldung ist nur gerechtfertigt, wenn wir einen längeren Wachstumsimpuls haben“

Mein heutiges Interview mit Peter Heinrich vom Börsen Radio Network. Wir haben zahlreiche relevante Themen diskutiert, begonnen mit der gestrigen Fed-Sitzung, über die Problematik von Angebotsschocks, die potenzielle Geldpolitik unter einem neuen Fed-Präsidenten, den Umgang mit dem Sondervermögen in Deutschland bis hin zu den makroökonomischen Auswirkungen von KI.

Link zum Interview:

Prof. Harm Bandholz (HAW Kiel): „Die Verschuldung ist nur gerechtfertigt, wenn wir einen längeren Wachstumsimpuls haben“

„Zwischen Fed-Sitzung, Energiepreisen und KI steht die Wirtschaft gerade unter drei Spannungsfeldern. Wie stabil ist dieses Bild wirklich, und was davon ist schon Trend, was nur Störgeräusch? „Wir sehen einen Aufwärtsdruck auf die Inflation. Eigentlich müsste man nun die Zinsen erhöhen.“ Prof. Harm Bandholz von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel spricht von Angebotsschocks, insbesondere bei der Ölversorgung. „Preise sind im Markt ein Koordinationsmechanismus. Ich bin skeptisch, dass der Staat da wirklich viel ausrichten kann.“ Deutschland hofft auf Erholung und stolpert gleichzeitig über teure Energie. Ist das schon wieder Aufschwung mit angezogener Handbremse? Als „kurzfristig gut für die Konjunktur“ beschreibt Bandholz den Umgang mit dem Sondervermögen: „Ohne Zweifel ist das wachstumsfördernd.“ Aber wie konsumtiv (und eben nicht langfristig) sind diese Investitionen? Bandholz ist skeptisch. Weitere Bedenken gibt es beim Fortschrittsglauben mit der KI: „Eine große Herausforderung auch für Hochschulen: Wenn wir nur noch theoretisches Wissen vermitteln, sind unsere Studierenden bald austauschbar.„

Deutschland: Viel öffentliches Geld für Soziales, wenig für Bildung, Kultur, Investitionen

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat heute eine interessante Studie veröffentlich, in der die Struktur der deutschen Staatsausgaben (wofür geben wir Geld aus) mit Ländern, die uns „wirtschaftlich und kulturell nahestehen“ verglichen werden. Hierzu zählen die Benelux-Staaten, Österreich, die Schweiz sowie die nordischen Länder (Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Island). Aus der Studie:

„Deutschland sieht sich zahlreichen politischen Herausforderungen gegenüber. Wie die Bewältigung dieser Aufgaben priorisiert wird, zeigt sich in der Ausgabenpolitik. Nicht umsonst wird der Haushalt häufig als „in Zahlen gegossene Politik“ bezeichnet. Welcher Stellenwert wird dem Sozialstaat eingeräumt? Wie wichtig ist das Bildungswesen oder die Landesverteidigung? Wie hoch sind die Verwaltungsausgaben und wie viel wird investiert? Antworten auf diese Fragen können im Rahmen eines internationalen Vergleichs der öffentlichen Ausgaben gesucht werden.“ (Zitat aus der Studie)

Dieser Beitrag untersucht, wie sich die Ausgaben Deutschlands insgesamt und in verschiedenen Aufgabenbereichen in den Jahren 2001 bis 2023 entwickelt haben. Als Vergleichsregionen werden die Benelux-Länder, Österreich/Schweiz und die nordischen Länder herangezogen, welche hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und kulturellen Prägung Deutschland relativ ähnlich sind. Es werden für verschiedene Aufgaben sowohl die Ausgabenanteile an den gesamten Ausgaben als auch die Ausgaben relativ zum Bruttoinlandsprodukt betrachtet.“

Demnach sind unsere Ausgaben besonders hoch u.a. in den Bereichen

  • soziale Sicherung (siehe Grafik)
  • Gesundheitswesen
  • allgemeine öffentliche Verwaltung

und eher niedrig u.a. in den Bereichen

  • Bildungswesen (siehe Grafik)
  • öffentliche Ordnung und Sicherheit
  • Verteidigung
  • Freizeitgestaltung, Kultur und Religion
  • Umweltschutz
  • Personal
  • Investitionen (siehe Grafik)

Die Ergebnisse bestätigen das Narrativ der aktuellen politischen Diskussion. Von daher sind die Zahlen nicht überraschend, aber in Zeiten von Fake News ist ja auch eine empirische Bestätigung immer willkommen – auch wenn man sich wünschen würde, dass hier die Wahrheit anders aussieht.

Wirtschaftsnobelpreis 2025: Eine Botschaft an Berlin

Gestern wurden in Stockholm der Wirtschaftsnobelpreis vergeben. Der Preis ging an die Ökonomen Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt. In ihren grundlegenden Arbeiten haben sie gezeigt, wie Innovationen und technologischer Fortschritt zu nachhaltigem Wachstum führen (eine gute zusammenfassende Erklärung der Royal Swedish Academy of Sciences gibt es hier: „From stagnation to sustained growth“).

Das Timing der Ehrung hätte kaum besser sein können. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich mich dem Gedanken erwehren, dass das Komitee mit dieser Auszeichnung eine wichtige Botschaft an viele westliche Regierungen senden möchte – nicht zuletzt an die unsere in Berlin. Hier sind die wesentlichen Punkte aus der Erklärung der Royal Academy:

  • Wirtschaftliches Wachstum beeinflusst den Lebensstandard der Bevölkerung auf vielfältige Weise. Von besseren Medikamenten über sicherere Autos bis hin zu gesünderen Nahrungsmitteln oder effizienterer Energieversorgung. Frei nach Ludwig Erhard: „Wachstum ist nicht alles, aber …“
Quelle: The Royal Swedish Academy of Sciences
  • Die Preisträger betonen, dass man Wachstum nicht als selbstverständlich ansehen solle. Schließlich war für viele Jahrhunderte Stagnation die Norm. Das änderte sich erst mit der ersten Industriellen Revolution.
Quelle: The Royal Swedish Academy of Sciences
  • Wachstum entsteht durch kreative Zerstörung. Innovationen führen dazu, dass ältere Produkte und Technologien durch neuere und bessere Produkte und Technologien ersetzt werden. Dadurch können bestehende Strukturen und Arbeitsweisen zerstört werden.
  • Dieser Prozess bringt Gewinner und Verlierer hervor. Dies gilt sowohl für Unternehmen als auch für deren Mitarbeiter. Je höher das Wachstum, desto größer die kreative Zerstörung. 
  • Die Regierung sollte unterstützen, indem sie die Arbeitnehmer – nicht die Arbeitsplätze – schützt. Insbesondere gilt es den Übergang zu produktiveren Arbeitsplätzen zu erleichtern.
  • Schließlich kommt der Gesellschaft eine besonders wichtige Rolle zu. Zum einen muss sie offen sein für neue Ideen und Veränderungen. Zum anderen muss sie ein Umfeld schaffen, welches Innovationen und Unternehmertum fördert. Auch hier kann und muss die Politik ansetzen, um die richtigen Anreize zu setzen.

Wenn wir die richtigen Maßnahmen nicht ergreifen, so die Royal Academy „könnte die Maschine, die uns nachhaltiges Wachstum und kreative Zerstörung gebracht hat, aufhören zu laufen – und wir müssten uns erneut an Stagnation gewöhnen. Wir können dies vermeiden, wenn wir die wesentlichen Erkenntnisse der Preisträger beachten.“ Mögen diese Worte an der richtigen Stelle erhört werden.

It’s the economy, stupid!

Viele Menschen hierzulande fragen sich, wie die Amerikaner die kontroverse Politik von Präsident Trump gutheißen können. Die einfache Antwort darauf lautet: Sie tun es gar nicht! Umfragen zeigen durch die Bank, dass es seit bereits Mitte März mehr unzufriedene als zufriedene Personen gibt. Laut der aktuellen, täglich aktualisierten YouGov/Economist Umfrage fiel die Zustimmung zuletzt sogar auf ein neues Tief (siehe Grafik).

Quelle: YouGov/Economist, Stand: 19.09.2025

Ein Blick auf die Bundesstaaten zeigt dabei, dass die Zustimmungswerte des Präsidenten in allen wichtigen Swing-States (Arizona, Nevada, Wisconsin, Michigan, Pennsylvania und Georgia), mittlerweile in einen negativen zweistelligen Bereich gerutscht sind (siehe Grafik).

Quelle: YouGov/Economist, Stand: 19.09.2025

Der Grund für diese sinkenden Umfragewerte ist die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage. Schließlich ist die Entwicklung der Wirtschaft für die Wähler aktuell mit Abstand das wichtigste Thema (siehe obere Grafik), wobei Inflation eine noch bedeutendere Rolle spielt als der Arbeitsmarkt (untere Grafik). Einwanderung hat dagegen seit der Wahl deutlich an Relevanz verloren; eine durchaus schlechte Nachricht für Präsident Trump, da er seine Wählerschaft hinter diesem Thema ja stets versammeln konnte.

Quelle: YouGov/Economist, Stand: 19.09.2025

Insbesondere hinsichtlich der relevanten Themen – Inflation, Wirtschaft und Arbeitsmarkt – stellen die Wähler Präsident Trump derzeit ein besonders schlechtes Zeugnis aus (siehe Grafik). Schließlich hatte der Präsident im Wahlkampf versprochen, dass “Under my plan, incomes will skyrocket, inflation will vanish completely, jobs will come roaring back, and the middle class will prosper like never ever before, and we’re going to do it very rapidly.“1 Doch davon ist aktuell kaum etwas zu sehen.

  • Die Inflationsrate verharrt weiterhin bei 3% und in den vergangenen drei Monaten die hat sich die Teuerungsrate sogar wieder beschleunigt.
  • Die Beschäftigungszuwächse lagen in den vergangenen vier Monaten bei durchschnittlich 27.000 pro Monat, verglichen mit 168.000 im Mittel des Jahres 2024.

Diese Entwicklungen erklären auch die drastischen Maßnahmen von Präsident Trump in den vergangenen Wochen und Monaten, wie die Entlassung von Erika McEntarfer von ihrem Posten als Leiterin des Bureau of Labor Statistics (BLS). Zur Erläuterung: das BLS ist die Statistikbehörde, welche sowohl den monatlichen Arbeitsmarktbericht als auch die Inflationsdaten veröffentlicht. Trump entließ McEntarfer Anfang August nach Veröffentlichung eines schwachen Arbeitsmarktberichts. Auch der Druck auf die US-Notenbank, insbesondere der versuchte Rausschmiss von Gouverneurin Lisa Cook Ende August, passt in dieses Kalkül. Da die Steuersenkungen bislang noch nicht den erhofften wirtschaftlichen Schub gebracht haben, benötigt die US-Regierung jede Hilfe, die sie bekommen kann – auch in Form niedrigerer Zinsen. Zudem versucht der Präsident auf diese Weise, die Schuld des ausbleibenden Wirtschaftswunders auf andere zu schieben. Allerdings zeigen diese Umfragen, dass dieser Versuch bislang nicht den erhofften Erfolg gebracht hat. Und mit der Inflation als vorherrschendem Problem könnte die Untergrabung der Unabhängigkeit der Fed mittelfristig zum Boomerang werden.

Quelle: YouGov/Economist, Stand: 19.09.2025

Ob all das vielleicht bereits bei den Midterm elections zu einem Politikwechsel führt, ist jedoch mehr als fraglich. Zwar liegen die Demokraten in landesweiten Umfragen mit etwa drei Punkten vorne, allerdings lässt sich aufgrund des speziellen Wahlsystems der USA daraus noch längst nicht ableiten, dass sie die Wahl auch gewinnen. Das gilt insbesondere für den wichtigen Senat. Nach Schätzungen von Race to the White House beträgt die Chance, dass die Republikaner bei den kommenden Wahlen ihre Mehrheit im Senat behalten bei 64%. Die Demokraten müssen also endlich aufwachen, die letzte Wahlniederlage abschütteln und sich mit einer neuen Identität, frischen Ideen und charismatischen Köpfen ihren Wählern präsentieren. Unterstützung liefert dabei aller Voraussicht nach Trumps Wirtschaftspolitik.

Quelle: Race to the WH, The 2026 Senate Forecast, Stand: 18.09.2025
  1. Speech: Donald Trump Accepts the 2024 GOP Nomination for President in Milwaukee – July 18, 2024, Link. ↩︎

„Trump ist eine Herausforderung für die Märkte. Europa muss endlich näher zusammenrücken!“

Mein heutiges Interview mit Andreas Groß vom Börsen Radio Network. Unterhalten haben wir uns über die Themen aus dem aktuellen Ifo Schnelldienst Artikel:

💥 Der „One Big Beautiful Bill Act“ hat gravierende Auswirkungen auf die Haushaltslage des Fiskus.
💥 Das größte Problem ist der Schuldendienst, der auf 5 bis 6 % des BIP ansteigen dürfte.
💥 Mit dem Mar-a-Lago Accord soll der Dollar gezielt abgewertet werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der USA zu verbessern.
💥 Gleichzeitig soll so etwas wie ein Staatsanleihen-Basar entstehen (mit extra niedrigen Renditen), insbesondere für Länder, die auf den (militärischen) Schutz der USA angewiesen sind.
💥 Die Fed soll die Geldpolitik übermäßig lockern – und im Zweifel Staatsanleihen kaufen.
👉 Sofern Europa bereit ist, die eigenen Stärken zu nutzen und endlich geschlossener aufzutreten, bieten sich hieraus aber auch Chancen für den Währungsraum.

Link zum Interview:

Exklusiv: Brandbrief von Bandholz. „Trump ist eine Herausforderung für die Märkte. Europa muss endlich näher zusammenrücken!“

Prof. Harm Bandholz von der Fachhochschule Kiel ist sich in seinem neuen Dossier (Trump als Herausforderung für die globalen Finanzmärkte) sicher: US-Präsident Trump ist eine Herausforderung für die globalen Finanzmärkte. Das Steuerpaket des „One Big Beautiful Bill Act“ hat gravierende Auswirkungen auf die Haushaltslage des Fiskus. Ein „enormer Anstieg“ der Staatsverschuldung ist zu erwarten. „Das größte Problem aber ist die Verzinsung dieser Schulden: ein ordentlicher Batzen von 5 bis 6 % des BIP.“ Ein Defizit, das auch durch höhere Zölle nicht beglichen werden kann: „Eine Trump’sche Milchmädchenrechnung.“ Mit dem Mar-a-Lago Accord soll der Dollar gezielt abgewertet werden, um die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Unternehmen zu steigern. Gleichzeitig soll so etwas wie ein Staatsanleihen-Basar entstehen (mit extra niedrigen Renditen), insbesondere für Länder, die auf den (militärischen) Schutz der USA angewiesen sind. „Die Fed soll die Geldpolitik übermäßig lockern – und im Zweifel Staatsanleihen kaufen.“ Unter welcher Herrschaft auch immer … Alles in allem sieht Bandholz aber gute Chance für Europa, sofern es bereit ist, die eigenen Stärken zu nutzen und endlich geschlossener aufzutreten.